Wie kann die Blockchain der Verwaltung helfen - Der ITDZ Berlin Innovationsmanager hat eine ganz praktische Antwort

Matti Grosse
Dr. Matti Große, Innovationsmanager

Herr Große, Blockchain und Bitcoin – bei digitalen Themen rutschen die beiden Begriffe derzeit häufig auf die öffentliche Agenda. Hat das eine etwas mit dem anderen zu tun?
Ja und nein. Das technologische Prinzip der Blockchain gibt es auch bei Bitcoin. Das war’s aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Denn was wir mit der Blockchain machen, hat grundlegend mit Kryptowährung nichts gemeinsam.

Für Laien: Worum geht es bei Blockchain?
Ganz einfach gesagt: Die Blockchain ist eine wertstiftende Technologie, um Daten dezentral, unveränderbar und hochgradig fälschungssicher abzulegen. Dabei werden zu einem bestimmten Vorgang Daten erzeugt und von vielen Rechnern gleichzeitig geprüft: Kann das sein? Stimmen diese Daten wirklich? Erst wenn alle Rechner in einem Blockchain-Netzwerk sagen: „Ja, diese Daten sind korrekt“, ist eine Information wirklich verlässlich und valide. Gibt es zu diesem Datensatz dann Neuerungen oder Ergänzungen, wird er nicht überschrieben, sondern die Neuerung wird als Datenblock angehängt und wieder von allen unabhängigen Rechnern geprüft. So entsteht Schritt für Schritt eine Kette aus Datenblöcken – daher die Bezeichnung „Blockchain“.

Wie wichtig wird die Blockchain in unserem Alltag werden?
Die Blockchain könnte die IT-Infrastrukturen in unserem Wirtschaften und Handeln verändern. Sie wird eine selbstverständliche Basis werden wie heute Wasser oder Strom – davon bin ich überzeugt.

Manch einer würde sagen: Wo ein digitales System ist, kann man es auch korrumpieren. Was würden Sie antworten?
Eine 100-prozentige Garantie kann natürlich keiner geben. Doch die Blockchain bietet eine immens hohe Betriebsausfallsicherheit. Sollte ein System zusammenbrechen, ist der große Vorteil, dass die Datensätze von anderen Rechnern validiert und gespeichert wurden. Jeder Rechner hat bei den Daten immer den gleichen Stand, sodass Daten nicht verschwinden können. Und versucht jemand eine Veränderung der Daten, melden die Rechner gleich, dass eine Abweichung aufgetaucht ist – und alle wissen sofort, dass hier ein Datensatz nicht stimmt.

Gehen wir von der IT-Theorie in den Alltag. Braucht die Verwaltung wirklich die Blockchain?
Die Technologie würde viele Prozesse fälschungssicher, nachvollziehbar und zu großen Teilen ausfallsicher machen. Denn das ist doch, was Bürgerinnen und Bürger wollen: Sie möchten sichergehen, dass sie dem digitalen Raum der Verwaltung vertrauen können und ihre Daten in guten Händen sind. Hier kann die Blockchain definitiv helfen.

Und wie könnten Mitarbeitende in der Verwaltung davon profitieren?
In der Verwaltung besteht ein großer Bedarf, unter verschiedenen Verwaltungen Daten miteinander austauschen und verknüpfen zu können. Das ist nicht nur im Land Berlin so, sondern bald auch bundesweit. Wir alle wissen, dass die Länder das Onlinezugangsgesetz (OZG) umsetzen müssen. Es besagt unter anderem, dass man ganz gleich wo man sich in Deutschland gerade befindet – in der Heimatstadt eine Verwaltungsleistung in Anspruch nehmen kann. Zum Beispiel, dass man in der Ferienwohnung auf Norderney den Bewohnerparkausweis für die Graudenzer Straße in Friedrichshain beantragen kann. Damit das funktioniert, müssen die Kommunen auf absolut identische Daten zugreifen können.

Gibt es bereits konkrete Blockchain-Pläne für Berlin?
Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hat gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betrieb sowie uns als IT- Dienstleister des Landes ein Pilotprojekt gestartet: die Digitalisierung von Schulzeugnissen. Im Moment bekommen Schülerinnen und Schüler ihr Zeugnis in die Hand gedrückt, müssen es dann irgendwo abheften und zum Beispiel für Bewerbungen an der Uni, für eine Ausbildung oder ein Praktikum häufig digital versenden. Manche finden das Original dann gar nicht mehr ohne weiteres – und theoretisch besteht auch die Möglichkeit, dass jemand sein oder ihr Zeugnis nach dem Scanvorgang fälscht.

Wie das?
Apps zur Bildbearbeitung und die Basics von Photoshop beherrschen heute viele. So kann aus einem durchschnittlichen Zeugnis ein richtig gutes werden und keiner hat’s gemerkt. Ein Zeugnis mit Blockchain-Komponenten allerdings wird fälschungssicher – und berechtigte Personen können eigenhändig nachprüfen, ob das stimmt, was notentechnisch in einer Bewerbung steht. Und viel mehr noch: Der Umgang mit Nachweisen wird digital und damit ein großes Stück einfacher.

Sie sagen „es wird fälschungssicher“ – in diesem Satz steckt kein Konjunktiv. Heißt das, das Pilotprojekt zielt auf einen konkreten Ausgang?
Zumindest nehmen die Entwicklungen aktuell sehr viel Fahrt auf. Bereits im Jahr 2021 sind wir in den Pilotbetrieb eingestiegen und haben die Anwendertests mit den ersten Schulen im Land Berlin durchgeführt. Im Jahr 2022 wollen wir dann produktiv gehen und allen Schülerinnen und Schülern ein digitales Zeugnis anbieten.

Wo könnte die Blockchain zukünftig noch eingesetzt werden?
Grundsätzlich bei allen Beglaubigungen und Nachweisen im digitalen Raum. Kurz gesagt: Immer wenn die Echtheit und Integrität von Nachweisen gewährleistet werden muss, bringt die Blockchain entscheidende Vorteile mit. Die Blockchain kann auch bei fälschungssicheren Identitäten im digitalen Raum helfen. Hier stehen wir allerdings noch in den Startlöchern.

Insgesamt kann die Blockchain die digitale Souveränität verbessern und die Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger im digitalen Raum unterstützen. Denn sie sollten entscheiden können, wer deren Daten erhält und wer nicht.

Die Blockchain wird zum Leuchtturmprojekt des Onlinezugangsgesetzes – könnte man das so sagen?
So weit würde ich nicht gehen. Um es in einer maritimen Metaphorik auszudrücken: Das OZG ist ein großer Tanker und die Blockchain ein Schnellboot, das in gewissen Fahrwassern schneller vorankommt. Man muss aber genauso schauen, dass man sich gegenseitig auf dem Radar behält und gemeinsam auf Kurs bleibt.

Vielen Dank für das Interview!

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